Haus des Geistes
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Wo kommen die Ideen her?

Herausgegeben von in Idee ·
Wer  kennt es nicht, daß er dringend eine Idee, einen Gedanken, eine Lösung  braucht für eine schwierige Situation, eine Frage, ein Problem? Man weiß  einfach nicht weiter. Das Wissen, das Gedächtnis scheinen keine Lösung  parat zu haben. Man wird nervös, leichte Panik macht sich breit,  Verzweiflung kündigt sich an. Und während man schon im Begriff ist, den  peinlichen Rückzug zu planen, schlägt plötzlich die rettende Idee ein.  Wie ein Blitz durchzuckt das Ersehnte das Gemüt. Würde man jetzt – was  man natürlich nicht tut – auf den Prozeß schauen durch welchen die Idee  auftritt und wie sie beschaffen ist, so würde man in vielen Fällen  finden, daß die Idee vom Inhalt her etwas Neues darstellt, etwas, das  man nicht aus seinem Wissen hätte erzeugen können. Aber wo kam sie dann  her, wie hat man sie gefunden und läßt sich dieser Vorgang wiederholen?
Dieselbe  Frage stellt sich gegenüber den großen und kleinen Kunstwerken der  Weltkultur. Man bewundert Burgen und Schlösser, Kathedralen, moderne  Wohnhäuser und Brückenkonstruktionen oder man hört eine Symphonie, ein  Rockkonzert oder schaut sich Gemälde und Skulpturen an (die Liste ließe  sich noch lange fortsetzen) und immer wieder stellt sich die Frage: Wie  sind die Menschen wohl auf die Ideen gekommen? Wo kommen die Ideen her?  Können sie bewußt hervorgerufen werden?
Zu  diesen Fragen läßt sich aus der geistigen Wissenschaft heraus sehr viel  sagen. Ich will in diesem Artikel versuchen, nur die Grundzüge  aufzuzeigen. Und um es vorweg zu nehmen, möchte ich sagen: Der Mensch  ist ein auf Ideen spezialisiertes Wesen. So wie der Fischreiher  spezialisiert ist, Fische im flachen Gewässer mit dem Schnabel zu  fangen, der Haubentaucher, die Fische unter Wasser zu jagen und der  Fischadler, sie aus der Luft zu erspähen um sich auf sie zu stürzen und  mit den Krallen zu ergreifen, so ist der Mensch spezialisiert, Ideen,  Gedanken, Begriffe in sein Bewußtsein zu stellen und sich von deren Sinn  durchdringen zu lassen. Es ist also das Normalste der Welt, wenn wir  Ideen suchen und auch finden. Nur hat die Menschheitsentwicklung jetzt  einen Stand erreicht, der es erforderlich macht, diese Ideen- und  Gedanken-Prozesse mit Bewußtsein zu durchdringen, zu untersuchen, wie  das menschliche Erkennen abläuft.
In  alter Zeit, als die Menschen noch sehr viel unbewußter lebten, wurden  ihnen die Ideen, die sie für ihr Leben brauchten, gewissermaßen  aufgedrängt und sie folgten ihnen mehr oder weniger fraglos, weil sie in  ihnen – nicht zu Unrecht – Geschenke oder auch Befehle der Götter  sahen. Man denke nur an den Moses der hebräischen Überlieferung. Moses  empfing ganz unfreiwillig die zehn Gebote durch seinem Gott Jahve. Das  war ein ganz realer Vorgang. Schon in der Griechenzeit änderte sich das,  man wurde bewußter, entwickelte den Verstand und aus diesem heraus die  Philosophie. Man begann mit der Logik ergründen zu wollen, wie der  Mensch zu seinen Erkenntnissen kommt, wie er wahrnimmt, denkt und Ideen  findet.
Heute  steht man vor der Aufgabe, bewußt nach Ideen und Erkenntnissen suchen  zu müssen, denn sie kommen dem Menschen nicht mehr ungefragt zu. Wer  heute nicht bewußt sein Seelenleben in die Hand nimmt und sich aufklärt  über die Zusammenhänge, der droht zu einem denkerisch passivem Wesen zu  werden, zum ferngesteuerten Konsumenten. Diese Gefahr ist heute sehr,  sehr groß.
Produziert das Gehirn die Ideen?
Nun  würde der normal-informierte Mensch auf unsere Frage: „Wo kommen die  Ideen her?“, antworten: Die Ideen erzeuge - wie alle anderen Gedanken  auch - das Gehirn des Menschen. Dies scheint das normale „Wissen“ zu  diesem Thema zu sein. Doch hat bisher noch niemand im Gehirn einen  Gedanken wirklich gefunden. Und natürlich ist damit die eigentliche  Frage nach der Herkunft der Ideen nicht beantwortet. Das Gehirn könnte  ja nur wiedergeben, was es bereits kennt. Wie soll das fest in unserem  Schädel verankerte Gehirn auf neue Gedanken, neue Ideen kommen, die es  noch nicht kennt?
Hierzu  meinen viele, das Gehirn würde einfach das Wissen, das man hat,  variieren und kombinieren, was ja im praktischen Leben durchaus  Brauchbares hervorbringen kann. Doch aus Varianten und Kombinationen  können niemals wirklich neue Ideen hervorgehen. Man merkt den Varianten  und Kombinationen an, daß sie aus Bekanntem zusammengesetzt wurden. Die  Künstler wissen das und viele lehnen dieses Vorgehen für Schaffung  echter Kunst strikt ab. Ein Kunstobjekt muß ein Original sein, wenn es  den Ansprüchen der Kunst gerecht werden soll. Und damit sind wir wieder  bei unserer Frage: Wo kommen die Ideen her, wenn sie nicht von unserem  Gehirn produziert werden?
Die  Sprache kann uns da weiterhelfen, denn wir sagen nicht: „Mein Gehirn  denkt…“ sondern: „Ich denke…“ Aber was ist gemeint mit „Ich“? Die  Wissenschaft sieht das Ich des Menschen nicht als etwas Wesenhaftes an,  sondern als die Region des Gehirns, welche den Selbstbezug zu den  einzelnen Erkenntnissen herstellt, was dann als das Selbstbewußtsein  erscheint. Nimmt man das ernst, so muß man bezüglich des Gehirns davon  sprechen, daß dort eine Materie existiert, die denken kann und das  Gefühl, ein Ich-Wesen, eine Persönlichkeit, zu sein, produziert. Das ist  allerdings eine abenteuerliche Vorstellung, die dem sensibleren  Menschen „gegen den Strich“ geht. Danach müßte man das Gehirn oder Teile  dessen extrahieren können und finden, daß es weiterdenkt. Dann könnte  man theoretisch durch eine Gehirn-Transplantation einer Kuh die  Persönlichkeit eines Menschen einpflanzen. Und spätestens hier bemerkt  man die Absurdität der Idee, daß unser Gehirn für alle Gedanken, Gefühle  und Willensimpulse die Quelle sei.
Ist der Körper der Mensch?
In  Wahrheit ist der Mensch ein seelisch-geistiges Wesen, das lediglich  vorübergehend einen stofflichen Körper bewohnt. Das Wesen selbst ist  nicht materiell sondern seelisch und geistiger Natur. Dies erkennt es  man, wenn der Mensch schläft. Dann nämlich ist sein Wesen aus dem Körper  herausgetreten und kehrt erst beim Aufwachen zurück. Und ebenso beim  Tode, da löst es sich endgültig vom materiellen Leib, bleibt aber – wie  ja auch im Schlaf – erhalten.
Dieses  nicht-materielle Wesen, dieses Ich, ist es, welches denkt und das  Gedachte in das Gehirn einprägt, um es dort immer wieder anschauen zu  können. Das Gehirn ist unser Bildschirm, unser Notizblock, wo die  Resultate des Denken und Wahrnehmens, aber auch die des Fühlen,  Empfindens und Wollens aufgezeichnet werden. Deshalb finden sich im  Gehirn weder Gedanken, noch Gefühle oder Willensimpulse, sondern nur  Zeichen, ähnlich einer Schrift, welche auf diese hinweisen. Gedanken  bzw. Ideen sind rein geistiger Natur und erscheinen durch die Tätigkeit  des Denkens im Bewußtsein des geistig-seelischen Wesens des Menschen.  Sie erklären, was er wahrnimmt. Die Gedanken und Begriffe aber sind  Abbilder der Ideen der Erscheinungen, die der Mensch zusammen mit der  Wahrnehmung erkennend in sein Ich aufnimmt, für die er im Gehirn aber  nur ein Zeichen hinterläßt. Will er dann spätern auf die Sache  zurückkommen, so findet er im Gehirn dieses Zeichen anhand dessen er  durch Denken das Erkannte wieder vorstellen kann.
Ideen als schaffende Wesen werden verstanden
 Indem die Idee in ihrem Abbild, dem Begriff, im menschlichen Bewußtsein  erscheint, wird das Objekt verstanden. Das liegt daran, daß die rein  geistige Idee die Ursache der Erscheinung ist. Die Idee als Teil des  Geist-Wesens erzeugt die Erscheinung. Durchdringt man denkend die Idee  bzw. den Begriffe, so schafft im Grunde die Erscheinung nach. Das Denken  ist also ein Bauen, Erzeugen, Konstruieren, Schaffen, ein  innermenschliches Nachschaffen dessen, was man zu erkennen bestrebt ist.
Will  man also ein Kunstwerk schaffen, eine Erfindung machen, ein Problem  lösen, so braucht man Ideen, denn diese liegen allem, was ist, zugrunde.  Erfassen kann man Ideen nur im Denken. Hat man sie erfaßt, so geht man  daran, sie zu verwirklichen. Aber wie kommt man an Ideen heran?
Fragen fordern Ideen an
Bei  Problemen und schwierigen Situationen ist es klar: Man hat Fragen. Beim  künstlerischen und erfinderischen Schaffen ist es ähnlich. Auch wenn  die Frage nicht ausgesprochen wird, vorhanden ist sie. Im Grunde ist der  künstlerische Prozeß eine lange Reihe von Fragen zusammen mit einer  ebensolchen Reihe von Ideen. Kaum hat man eine Idee umgesetzt, so  entsteht die nächste Frage. Oft werden Teilideen zu einem Kunstwerk nach  dem Ausprobieren wieder verworfen und man stellt dieselbe Frage um  diese Erfahrung modifiziert erneut. Eigentlich leben die Künstler  ständig in der Frage nach neuen Ideen für Kunstwerke. Das bewirkt, daß  ihnen auch immer wieder Ideen einfallen. Sie fallen von außen in das  Bewußtsein des Fragenden hinein. Aber wo kommen sie her?
Den  Bereich der Welt in welchem alles Geistige vorhanden ist, nennt man die  geistige Welt. Das ist, was die Christen den Himmel nennen. Es ist eine  ganze Welt der Ideen- und Ursachen-Wesen, in welche der Menschen  denkend eindringen kann. Indem er seine Fragen denkt, sendet er diese in  die geistige Welt hinein und erhält in gewissem Sinne Antwort, sofern  seine Frage präzise genug war. Die geistige Welt, die Welt der  Ideen-Wesen teilt sich dem Fragenden auf drei Wegen mit.
Drei Formen den Auftretens von Ideen im Menschen
Die  einfallende Idee kann in Form von inneren Bildern auftreten. Dies ist  die Stufe der Imagination, die sich in Farben und Formen mitteilt. Mit  ihr arbeiten Maler, Bildhauer, Designer, Graphiker, Architekten und  ähnlicher Berufe. Dagegen finden Musiker aber auch Dichter und  Schriftsteller ihre Ideen als innere Klänge und Worte vor. Das ist die  Form der Inspiration. Der Schriftsteller steht allerdings auf der  Schwelle zur dritten Form des Auftretens von Ideen – nämlich der  Intuition, die Gedanken vermittelt.
           Imagination    –          innere Bilder
           Inspiration      –          innere Klänge und Worte
           Intuition          –          Gedanken
Kommen  wir auf die Ausgangsfrage zurück, so kann man mit einem Bibel-Wort  antworten: Suchet und ihr werdet finden. Es sollte heute der Mensch  vielmehr in Fragen leben als in Antworten. Je weniger er die Welt durch  sein Wissen zu bestimmen versucht und stattdessen fragt: Was zeigt  sich?, wie spricht das Objekt?, desto besser kann sich das Wesen des  Objektes dem Menschen mitteilen. Je mehr Fragen er stellt und offen  läßt, desto mehr wahre Antworten kann der Mensch empfangen.
Ist die Welt begrenzt oder kann man ihr Neues hinzufügen?
Diese  häufig gestellten Fragen müssen wie folgt beantwortet werden: Die Welt  ist allumfassend begrenzt, aber man könnte eine Grenze nicht angeben,  weil es kein Dahinter, kein Außerhalb oder Darüberhinaus gibt, das man  angeben könnte. Der Mensch ist Teil einer Gesamtheit, die wir „Welt“  nennen, in der nichts fehlt oder zuviel ist, sondern die ein in sich  geschlossenes Ganzes ist. Der Mensch hat den Beruf, diese Welt zu  erkennen und auf lange Sicht zu lernen, selbst eine solche Welt erzeugen  zu können. Und so fügt er der Natur, ständig Neues hinzu, welches aber  aus dem Vorhandenen zusammengesetzt ist und dessen Neuheit nur in der  Kombination und Variation des Vorhandenen besteht. Die Stoffe, Kräfte  und Wechselwirkungen, die wir in der Technik nutzen, sind vorhanden.  Insofern können wir der Welt nicht wirklich Neues einfügen, aber wir  können sie immer weitergehend entschlüsseln. Auch befindet sich die Welt  als Kosmos in einer Entwicklung, so daß die vorgefundenen Kräfte und  Stoffe auch einer gewissen langzeitliche Entwicklung unterliegen.  Insofern wird der Fall nicht eintreten, daß die Menschen alles wissen  werden und nichts mehr zu entdecken hätten. Aber denken und begreifen  läßt sich nur, was in dieser Welt ist. Noch niemand hat etwas denken  können, was es in unserer Welt nicht gibt.
Kann man das Ideenhaben lernen oder fördern?
Diese  Frage stellt sich vor allem den kreativ arbeitenden Menschen, die  oftmals „auf Knopfdruck“ Ideen haben müssen. In diesem Zusammenhang  wären allerlei Probleme zu besprechen, weil es zwar durchaus möglich  ist, das Ideenvermögen zu steigern, der Erfolg allerdings weitgehend von  den moralischen Zielen des Fragenden abhängt. Die geistige Welt ist für  egoistische Wünsche nicht erreichbar, denn sie ist nach moralischen  Gesetzen geordnet. Deshalb haben alle Religionen, die ja aus  Mitteilungen der geistigen Welt an die Menschen bestehen, moralische  Inhalte. Alle sogenannten Ideen unmoralischen Inhalts, sind nicht aus  der geistigen Welt dem Bertreffenden zugeflossen, sondern stammen aus  Kombinationen und Variationen des Verstandes unter Mitwirkung der Triebe  und Begierden. Die geistige Welt kann dem fragenden Menschen nur solche  Ideen zukommen lassen, die mit ihr, mit der Weltidee, übereinstimmen.
Um  das Ideenvermögen zu fördern, ist es günstig, seine Fragehaltung zu  verstärken. Man muß der geistigen Welt verdeutlichen, was man sucht. Man  sollte regelrecht eine Kultur des Fragens entwickeln und hier hilft es,  wenn man die Fragen schriftlich fixiert. Denn die Frage muß präzise  sein, wenn eine befriedigende Idee auftreten soll. Immer wieder lebe man  sich in die Frage ein und unterlasse jeden Versuch, selbst eine Antwort  zu erspekulieren. Die Kunst des Fragen besteht neben des präzisen  Fragens in dem völligen Offenlassen der Antwort. Oft stellt sich die  Ideen ziemlich schnell nach dem Fragen ein, manchmal mitten im Fragen.  In anderen Fällen geschieht am selben Tage nichts mehr, aber am Morgen  nach dem Aufwachen ist die Idee plötzlich da. Manchmal erscheint sie  aber nicht gleich beim Aufwachen sondern zu den unmöglichsten  Gelegenheiten mitten am Tag. Wer da nicht blitzartig reagiert und die  Idee festhält, wird enttäuscht feststellen, daß er wohl weiß, eine  Antwort, eine Idee erhalten zu haben, daß er aber nicht prompt genug  reagierte und die Ideen nicht festhalten konnte. Denn das ist so ein  Problem: Intuitionen können nicht erinnert werden, wenn man nicht dafür  sorgt, daß sie erhalten bleiben.
Manche  Fragen scheinen nie Antworten zu finden. In einem solchen Falle kann es  gut sein, daß die Frage falsch gestellt wurde, z. B. insofern, als sie  einen Denkfehler enthält, oder von falschen Voraussetzungen ausgeht. In  solchen Fällen empfiehlt es  sich, die Frage selbst zu befragen: Ist die  Frage so richtig gestellt z. B.? Bei dieser Frage wird man öfter  spontan der Gefühl bekommen, daß mit der Frage etwas nicht stimmt. In  diesem Falle gehe man der Sache nach und versuche die Frage neu zu  gestalten. Grundsätzlich aber finden alle Frage ihre Antwort einfach  weil die Welt selbst eine in sich stimmige Idee ist. Und der Mensch ist  dazu entwickelt worden, diese Idee immer genauer kennenzulernen, bis er  sie nachschaffen kann.
Hans Bonneval


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